APPventskalender #3: TIDAL – Musikstreaming für feine Öhrchen

Ordentliche Audioqualität ist, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, für wirklich genüssliches Musikhören von elementarer Bedeutung. Das ist unter anderem einer der Gründe (*hust* aberwitzige Bezahlung der Künstler durch Spotify *hust*), weshalb ich auch in 2020 noch überzeugter CD-Käufer bin. Leider wird jedoch auch im Namen grandioser Audioqualität viel hanebüchener Schwachsinn angepriesen und verkauft. TIDAL verspricht grandiose Soundqualität mit Streaming zu verbinden. Bleibt nur noch die Frage: hanebüchener Schwachsinn oder nicht?

Doch warum ist Spotify überhaupt „schlecht“?

Zuerst macht es vermutlich Sinn, grob – und ich meine wirklich extrem grob, auch wenn der nächste Absatz eventuell nicht so aussehen mag – zu klären wie sich das ganze mit der Soundqualität überhaupt ergibt, schließlich ist dies das Kernversprechen von TIDAL. Würde ich dem Thema das Level an Detail widmen, das es eigentlich verdient, dann müsste ich darüber eine Vorlesung halten! Deswegen der Schnelldurchlauf: Die Band spielt im Studio, der Ton wird währenddessen analog aufgenommen und mithilfe eines Analog/Digital-Wandlers in ein digitales Signal umgewandelt. Dieses digitale Signal wird in einer Datei verpackt und danach von einem Gerät Deiner Wahl „abgespielt“. Während dieses Abspielens muss aus dem digitalen Signal wider ein analoges gemacht werden, damit Deine Kopfhörer oder Boxen dieses Signal auch abspielen können.

Doch haken wir zuerst mal bei dem zweiten Schritt ein, denn hier fangen die Mythen schon an. Aus dem kontinuierlichen (analogen) Signal der Studiokopfhörer wird ein zeitdiskretes, also ein „zerstückeltes“ Signal, dass schlicht mit den berühmten Nullen und Einsen, also digital, dargestellt werden kann. An dieser Stelle wittern schon die ersten Audiophilen wahrlich Schlimmes. Denn ein A/D-Wandler kann nur endlich viele Frequenzen (etwas anders ist Ton im Grunde nicht) umwandeln, denn unendlich viele Dinge gleichzeitig machen ist im Regelfall eine Herausforderung. Ergo muss man bei dem Bau eines solchen Wandlers irgendwo im Frequenzbereich stopp sagen und alle höheren Frequenzen ignorieren. Das geschieht im Regelfall bei 44,1 kHz oder etwas höher. „Was ist nun mit all den höheren Frequenzen?“ Fragte der Audiophile. Simpel: Sie sind egal! Der Mensch kann nur im Bereich von ca. 20 Hz bis 20 kHz hören. Alles darüber nehmen wir schlicht nicht wahr. Die ca. doppelten Abtastrate von 44,1 kHz der Wandler sind nun dem sog. Nyquist-Shannon-Theorem geschuldet. Denn das analoge Signal der Studiomikrofone, welches von dem A/D-Wandler 44.100-mal pro Sekunde gemessen und in Nullen und Einsen übersetzt wurde, kann zu jeder Zeit von einem Digital/Analog-Wandler (dem Gegenstück eines A/D-Wandlers, dass bei uns zu Hause neben den Boxen steht) in ein analoges Signal, welches unsere Boxen bzw. Kopfhörer brauchen, exakt – und ich wiederhole: exakt! – rückübersetzt werden. Alle Frequenzen bis 22.050 Hz können so exakt (!) von unseren Boxen reproduziert werden. Und da unsere Ohren bei ~20 kHz Feierabend machen ist an der Stelle kein Qualitätsverlust zu befürchten.

Der eigentliche Qualitätsverlust kommt zwischen den beiden Wandlern, also Schritt drei. Denn wir haben jetzt einen gigantischen Haufen Nullen und Einsen. Ein akademisches Beispiel: Sagen wir, der Wandler stellt jede Messung mit 32 Bit dar. Das ganze macht er 44.100-mal pro Sekunde über ca. vier Minuten hinweg und wir haben unser Lied mit nicht weniger 423.360.000 Bits dargestellt. Das sind ca. 53 Megabyte. Man Spule ein paar Jahre zurück und 53 MB war eine doch recht signifikante Menge Speicher. Irgendwie musste das also komprimiert werden. Nun hat man einen Haufen Elektrotechniker in einen Raum eingesperrt (oder so ähnlich?) und rauskam MP3. Ein Format, das in seiner höchsten Qualität aus den 1.411,2 kbit/s unseres Wandlers nur noch 320 kbit/s macht. Das viertelt (im Worst Case) den Speicher mal eben und macht aus unseren 53 nur noch grob 12 MB. Dadurch löst sich das Speicherproblem. Aber leider hat es zur Folge, dass die Musik (ordentliche Kopfhörer natürlich vorausgesetzt) merklich schlechter klingt, da ihr schlicht Detail fehlt.

Um nun den Bogen endgültig zu schließen und wieder bei Streamingdiensten anzukommen: Spotify nutzt zwar kein MP3, sondern ein Format namens AAC. Doch die höchste Bitrate liegt auch hier bei 320 kbit/s. Ergo streamt man mit Qualitätsverlust (vermutlich zur Freude deines Internetanbieters bzw. dessen Leitungen).

Und TIDAL streamt nun mit…?

…FLAC! Ein anderes Audioformat, dass im Gegensatz zu MP3 und AAC nicht verlustbehaftet ist. Das schlägt sich nur blöderweise im Speicherplatz bzw. im Falle von Streaming in der Datennutzung nieder. Ein niedliches Beispiel dessen kannst Du im nächsten Bild sehen. Zweimal das gleiche Lied. Einmal als MP3, das andere Mal als FLAC-Datei. Nun kommen wir auch in der Internetwüste Deutschland langsam aber sicher zu Netzabdeckungen, die auch unterwegs das Streaming von 100 MB in knapp 5 Minuten erlauben. Daher stellt sich die Frage, ob der Kompromiss, den MP3 bzw. AAC auf Kosten der Audioqualität eingeht, im Jahr 2020 noch zeitgemäß ist. TIDAL hat diese Frage zumindest für sich und seine Kunden mit einem klaren Nein beantwortet. 

Der Achillesverse aller Streamingdienste

Doch, wie sieht es mit dem Angebot an Künstlern und Bands aus? Schließlich steht und fällt ein Streaming-Dienst mit der Musik, die er zu bieten hat bzw. mit der Schnittmenge dieser Musik und der Musik die ich als Kunde hören will. Nun bin ich musikalisch eher in den abgelegenen Randgebieten unterwegs. Metal an und für sich als Genre genommen ist schon eher eine Randerscheinung. Doch selbst für Metalverhältnisse höre ich eher kleine Bands. Oder auch manchmal gar kein Metal, sondern Stoner Rock, was als Genre zu meinem Bedauern sogar noch ungehörter ist als Metal. Der Punkt, auf den ich hinaus will, ist: All das kann TIDAL liefern. Was immer Du hörst, TIDAL wird es also vermutlich haben.

Die üblichen verdächtigen Features

Was sonstige Features angeht, tut sich zwischen Spotify und Co. und TIDAL nicht wirklich viel. Die üblichen Features wie Playlists, Radios, Download der Lieder etc. kann auch TIDAL liefern. Das einzige ungewöhnliche Feature, neben dem Kernfeature des guten Klanges – vorausgesetzt man hat die dafür nötigen Kopfhörer! -, sind Musikvideos, Livestreams etc. Bei TIDAL wird es also auch visuell. Preislich sieht es da leider schon etwas schlechter aus. Der Streaming-Dienst schlägt mit 9,99 € bzw. 19,99 € zu Buche (die Hälfte, solltest Du Student sein).  Definitiv teuer als Spotify und andere Konkurrenten. Dafür bekommt man jedoch bessere Soundqualität und die Künstler werden verglichen mit Spotify deutlich besser bezahlt. TIDAL zahlt den Künstlern pro Stream mit am meisten Geld.

Fazit: Du hast gutes Internet und adäquate Kopfhörer? Go for it!

TIDAL bietet all jenen, die ihre Musik streamen, gute Kopfhörer und ebenso gutes Mobilinternet haben eine teurere, aber dennoch attraktive Alternative zu Spotify. All die üblichen Features werden abgedeckt und neben dem guten Sound kommt noch ein etwas besseres Gewissen, da die Künstler besser vergütet werden.

9Score10Funktion9Bedienung8Design9Umfang9Editor's Choice
TIDAL - Musik Streaming
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Entwickler: TIDAL
Preis: Kostenlos
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